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Montag, 3. November 2008

Gerüche, niesende Busse und Wäschereien

Eine Woche ist es her, dass wir angekommen sind. Und schon weiss ich gar nicht mehr so genau, wie die Schweiz aussieht, was ich jeden Tag im Büro gemacht habe, und wie nochmal die Hausnummer meiner Wohnung in Bern war. Dagegen weiss ich zum Beispiel, wie Buenos Aires riecht. Eine Mischung aus Frühling, aus Abgasen der absonderlichen Colectivos (=Autobusse), aus Aftershave (so ein besonders männliches, eine Mischung aus Vanille, Tabak und Pferdesattel), und aus den allgegenwärtigen Wäschereien. Der Reihe nach: es ist also tatsächlich Frühling hier. Da wir nach allen vier Himmelsrichtungen, soweit das Auge reicht, von Stadt umgeben sind, ist der Frühling zwar irgendwie wahrnehm-, aber grösstenteils unsichtbar. Mit anderen Worten: Beton blüht nicht. Dieser Aussage schliesst sich netterweise auch mein Heuschnupfen an, der ein wenig verwundert vor sich hin brummelt: "Stell dir vor, es ist Frühling, und niemand niest".

Apropos Niesen: die zweite Duftkomponente stammt, wie gesagt, von den Colectivos, die wie Hummeln durch die Stadt brummeln. Es gibt unglaublich viele davon, und es ist absolut unmöglich, in dem System der vielen Linien durchzublicken (nur als Anhaltspunkt und kleiner Einblick in das Chaos: die Linien werden (quasi lückenlos!) von 1 bis 800 durchnumeriert, ein graphisches Streckennetz gibt es nicht, der Verlauf einer Buslinie wird nur grob anhand der Namen einiger Haupt-Haltestellen beschrieben, und dieselbe Linie fährt in Hinrichtung anders als in Rückrichtung, da in Buenos Aires 98% aller Strassen Einbahnstrassen sind). Damit nicht genug, gibt es noch mehr Absonderliches über die Colectivos zu erzählen: dass die Bushaltestelle meistens da ist, wo wie aus dem Nichts die Leute eine Schlange bilden. Oder zum Beispiel, dass ein Bus fest mit seiner Linie verheiratet ist, z.B. ist ein Bus der Linie 168 innen und aussen mit Einsen, Sechsen und Achten beklebt, und ausserdem in einem für die Linie 168 typischen Farbschema lackiert (z.B. gelb-weiss-grün gestreift). Bei Gelegenheit versuche ich mal, ein paar zu fotografieren (was nicht weiter schwer ist, man muss nur zu einer x-beliebigen Tages- oder Nachtzeit die Kamera auf die Strasse halten - bis jetzt konnten wir keine Zeit finden, zu der die Busse nicht verkehren. Einzig in den frühen Morgenstunden, so zwischen drei und fünf Uhr, scheint die Frequenz etwas nachzulassen. Das entspricht dem Lebensrhythmus hier: zwischen Tag und Nacht gibt es keinen allzu grossen Unterschied, ausser dass es entweder hell oder dunkel ist. Die weitere besondere Eigenschaft der Colectivos ist ihr Hupen, und zwar deshalb, weil es überhaupt nicht nach Hupen klingt, sondern nach einem Geräusch aus einer anderen Welt. Das Geräusch hat zwei Anteile: ein schnell ansteigendes uuuuooooiiii, welches gegen Ende durchbrochen wird von einem heftigen Klacken. Müsste ich es mit einem mir bekannten Geräusch vergleichen, so würde ich sagen: der Bus niest. Aber kein befreiendes, unanständiges Niesen, sondern eher so ein unterdrücktes. Es klingt also, also würde ein Lebewesen von der Grösse eines Autobusses, sagen wir ein Pottwal oder ein Dinosaurier, einen gewaltigen Niesreiz unterdrücken, vermischt mit dem bereits erwähnten heftigen Klacken, so als würde der Dinosaurier dabei mit der Zunge schnalzen. Das ganze findet in einer Lautstärke statt, die in der Schweiz als gesundheitsschädigend eingestuft würde. Als wir uns das erste Mal in der Nähe eines hupenden Colectivos befanden, ist Mireille mir aus dem Stand an die Hüfte gesprungen mit einem fast akzentfreien: "Houh mejn Ghott!". Es war zunächst gar nicht so klar, dass der Bus wirklich Ursprung dieses Geräusches war, unwillkürlich hätte ich ein ausserirdischeres Wesen als einen Bus erwartet.

Nächste Duftkomponente: das Aftershave. Diese ist besonders geheimnisvoll, denn es scheint bei weitem nicht so einfach, dass die Porteños (so heissen die Einwohner von Buenos Aires) alle dasselbe Aftershave benutzen, und deshalb die ganze Stadt so riecht. Bis jetzt konnte ich keine Quelle identifizieren. Es riecht, wie gesagt, ein bisschen nach Vanille, Tabak und Pferdesattel. Meine aktuelle Theorie ist, dass es sich um eine Art Dschungelgeruch aus Südamerika's Tiefen handelt, welcher durch den Rio de la Plata nach Buenos Aires transportiert wird.

Zu guter Letzt: es riecht nach den überall anzutreffenden Wäschereien. Gleich am ersten Abend unserer Ankunft wurden wir von Marcelo, dem Verwalter der Wohnung, aufgeklärt: man trifft im Stadtgebiet in so gut wie keinem Privathaushalt eine Waschmaschine an. Ich kann es noch nicht ganz glauben, habe mir aber vorgenommen, bei jedem Besuch in einer Wohnung in Buenos Aires nach der Existenz einer Waschmaschine zu fragen. Was für Marcelo's Aussage spricht, ist die wirklich unglaublich hohe Anzahl von Wäschereien. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus zwei mir bekannten Einrichtungen: der chemischen Reinigung und des Waschsalons. Die Wäschereien in Buenos Aires haben mit der chemischen Reinigung folgendes Muster gemeinsam: man gibt schmutzige Kleider ab, und kriegt saubere wieder zurück. Der Unterschied ist, dass man nicht nur das super-super-empfindliche Zeug abgibt, sondern einfach alles. Wenn ich alles schreibe, dann meine ich auch alles, nämlich: genau, auch die Unterhosen. Mit dem Waschsalon haben sie folgenden Eigenschaften gemeinsam: sie sind voller neben- und übereinander aufgetürmter Waschmaschinen und Trocknern, ähnlich den Tieftöner-Bataillonen an den Seiten einer Pink-Floyd-Bühne, nur weiss statt schwarz. Ich erwarte sehnsüchtig, seit wir an unserem ersten Abend von den Wäschereien erfahren haben, dass Mireille und ich endlich genug Schmutzwäsche produziert haben, um diesen Service in Anspruch nehmen zu können. Sobald dies der Fall ist, werde ich den Wäschekorb nehmen und ihn um die Strassenecke tragen zur Wäscherei unserer Wahl. Uns wurde wärmstens das "La Espuma" empfohlen (liebevoll übersetzbar als "der Seifenschaum" oder "das Schaumbad"), welches fünfeinhalb Pesos verlangen wird für folgenden Service: das Sortieren, das Waschen, das Trocknen, das verhasste passende-Socken-Zusammensuchen, das Zusammenlegen, das Parfümieren (!), und das Ausliefern der sauberen Wäsche bis zur Wohnungstüre. Ob Bügeln dabei auch enthalten sein wird, mag ich gar nicht glauben, werde es aber herausfinden. Fünfeinhalb Pesos entsprechen ungefähr 1,30 Euro.
Wie auch immer, tragen diese Wäschereien zu der Geruchs-Melange bei, und zwar im positiven Sinne. Was die Frage aufwirft, ob eigentlich schlechte Gerüche durch gute Gerüche wieder aufgewertet werden können. Wohl eher nicht, sonst wäre sicher schon ein Tankstellenwart auf die Idee gekommen, sein Benzin mit Erdbeeressenzen aufzuwerten, um wohlriechendere Abgase zu erzeugen.

Soweit für heute, weiter als bis zu einer ungefähren Geruchsbeschreibung bin ich also nicht gekommen. Dabei wollte ich noch so viel erzählen, z.B. wie ich versuche, einen Kommunikationsweg zu meiner Hüfte und meinem Bauchnabel zu finden, weil darin nach Ansicht zweier Tangolehrer (drei, wenn man Mireille dazuzählt, was ich persönlich tue) der Schlüssel für einen Quantensprung in meinen tänzerischen Qualitäten zu suchen ist. Das Problem liegt darin, dass für mich die Anweisung "lass deine Hüfte locker" ungefähr so einfach umsetzbar ist wie die Anweisung "spann dein Ohrläppchen an". Aber, wie gesagt, Schluss für heute, schliesslich hab ich schon genug Quatsch geschrieben.

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Kommentar von Bea (Gast) - 4. Nov, 10:42

Hallo Ihr zwei!

Klingt spannend Euer Bericht! Und ja: die Fotos würden in der nebligen, kalten und bald auch wieder nassen Schweiz wahrscheinlich nicht wirklich gut ankommen ;-) Natürlich müsst Ihr sie dann aber trotzdem reinstellen, weil ich ja soooooooo neugierig bin!

Freu mich schon auf Updates und werde sicher öfter mal reinschauen!

Alles Liebe, viel Spass, lockere Hüften, viel Taktgefühl und e liebe Gruess
Bea

Kommentar von Daniel Silva (Gast) - 4. Nov, 11:44

Auch in der nähe???

Hallo Joerg,

Ich bin auch in BUE diesen Tagen. Gehen wir zusammen tanzen? (Heute Abend wäre ideal...)(Morgen gehe nach Uruguay.) mein Natel hier lautet: 15 6923 8108

Céline (Gast) - 4. Nov, 17:22

haaach

das ganze hat ein bisschen den klang nach einem kinder-abenteuer, -aber für grosse, natürlich. es ist doch immer faszinierend was man alles speziell, interessant, kurios findet wenn es neu ist. :) ich bin sicher, wenn ihr zurück wie die wankelmütigen zugvögel von eurem wunderbaren aufenthalt seid dann werdet ihr sicher alles niesen, schnarchen oder was auch immer auf schrecklichste vermissen und euch lauthals darüber beschweren wieso hier, im regnerischen, nebligen, dunklen, dreiländereck sooo nix von interessanten geräuschen und gerüchen vorhanden ist!
also schreibt weiter, ich finde es äusserst lesenswert und werde es als wesentlich besser empfehlen als so manche girlie-zeitschrift :)- mireille und jörg. das könnte man doch als einen titel nehmen, wie anton und pünktchen...
liebste grüsse, céline
Kommentar von rma - 4. Nov, 18:44

31

das ist deine Hausnummer.

Ich find in Heidelberg riecht´s richtig langweilig. Nix mit Pferdesattel und schon gar nicht Vanille. Ich bin mal gespannt auf die ersten Bilder. Wie die Busse aussehen weiss ich mittlerweile, aber ob das so der Realität entspricht werden mir deine Bilder zeigen.

Du ich bin im totalen RHÖN-KLINIKUM-Stress, morgen muss ich nach Frankfurt und am Donnerstag ist die DVFA. Wird übrigens live im Internet übertragen. Deshalb war´s das für heute. Melde mich am Do oder Fr.

Lieben Gruss

Kommentar von Lukas (Gast) - 17. Nov, 12:57

Aftershave

So eins hätte ich gern!!
(nicht zum after shaven, einfach als Aftershave).
Super, euer Blog, obwohl ich nicht so viel zum Lesen komme. Ihr fehlt hier!
Lieber Gruss, Lukas

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